Die Gemeinschaft

Dokumente der geistigen Weltwende



Vorbemerkung

Hier sind Zeugnisse von Menschen gesammelt, die in der Änderung der Welt ihr Lebensziel sahen. Da sind Verzweifelte; gütige Skeptiker; Frondeure – die alle in ihrer Gesellschaft allein standen, sich gegen ihre Gesellschaft wandten und schliesslich ihre Rebellion in andere Richtungen leiten mussten, als es die der direkten Aktion sind; die Schöpfer unserer kritischen Einstellung. – Dann die Aufrührer des Geistes, die den Bewusstseinszustand der Welt umbrachen; seelische Vorbereiter der Wirklichkeitskrise unserer Tage; die Dichter, Maler, Musiker; die Schöpfer neuer Gefühlsgebilde. – Endlich die sozialen Revolutionäre, die Denker der Volksbewegung, Gestalter und Historiker der Massenaktionen, die Sprecher des Proletariats: Die Schöpfer der neuen sozialistischen Weltkultur, die aus dem langen Ablaufe der Weltrevolution hervorgehen wird, und die so jenseits der bürgerlichen Welt unserer Tage steht, wie die heutige bürgerliche Welt selbst durch die Völkerwanderung von der Antike geschieden ist. Wir stehen im allerersten Beginn. Der Schritt arbeitet sich noch mühevoll durch die gestürzte Trümmermasse der Vergangenheit. Aber das Auge des neuen Menschen blickt unendlich anders als das der bürgerlichen Einstellung. Ziel des Schreitens, Horizont des Blickens: die Gestaltung der produktiven Menschengemeinschaft über alle Länder hin. Diesem Ziel eines wirklich schöpferischen Lebens aus Erde und Mensch, das unserem Dasein in unendlicher Einfachheit Sinn gibt, ist nicht mehr auszuweichen; keine Konjunktur kann es mehr umbiegen, kein militärischer Erfolg oder Misserfolg mehr aufhalten, keine Reaktion mehr morden. Das Erdballbewusstsein vom Gemeinschafts-Sollen des Menschen ist für den Jahrtausend-Weltprozess, in dessen Anfang wir stehen, nicht mehr zu vernichten. Es geht um die Arbeit, die einen Weltgemeinschafts-Sinn hat. Und diese Geisteswende ungeheuerster ethischer Erdball-Entscheidung für kommende Generationen fand ihren ersten Ausdruck durch die Realität in den Novembertagen von 1917 und 1918, da die menschliche Sprache die Ideen „Sowjet“ und „Räte“ als neue, mächtige Selbstverständlichkeiten über die Länder warf. Der Sammlung dieser Dokumente einer geistigen Weltwende stellte Gustav Kiepenheuer die Grenzen eines Jahrbuches, das für seinen Verlag geplant war, zur Verfügung.

Aus dem Kapitel „Blickeinstellung der neuen Kultur“:
Ferruccio Busoni: Neuer Anfang

Plötzlich, eines Tages, schien es mir klar geworden: dass die Entfaltung der Tonkunst an unsern Musikinstrumenten scheitert. Die Entfaltung des Komponisten an dem Studium der Partituren. Wenn „Schaffen“ wie ich es definierte, ein „Formen aus dem Nichts“ bedeuten soll (und es kann nichts anderes bedeuten) – wenn Musik – (dieses habe ich ebenfalls ausgesprochen) – zur „Originalität“, nämlich zu ihrem eigenen reinen Wesen zurückstreben soll; (ein „Zurück“, das das eigentliche „Vorwärts“ sein muss) – wenn sie Konventionen und Formeln wie ein verbrauchtes Gewand ablegen und in schöner Nacktheit prangen soll; - diesem Drange stehen die musikalischen Werkzeuge zunächst im Wege. Die Instrumente sind an ihren Umfang, ihre Klangart und ihre Ausführungsmöglichkeiten fest gekettet und ihre hundert Ketten müssen den Schaffen-Wollenden mitfesseln.

Vergeblich wird jeder freie Flugversuch des Komponisten sein; in den allerneuesten Partituren und noch in solchen der nächsten Zukunft werden wir immer wieder auf die Eigentümlichkeiten der Klarinetten, Posaunen und Geigen stossen; die eben nicht anders sich gebärden können, als er in ihrer Beschränkung liegt (und das ist das siegreiche in Beethoven, dass er von allen „modernen“ Tondichtern, am wenigsten den Forderungen der Instrumente nachgab. Hingegen ist es nicht zu leugnen, dass Wagner einen „Posaunensatz“ geprägt hat, der – seit ihm – in den Partituren ständige Wohnung nahm!), dazu gesellt sich die Manieriertheit der Instrumentalisten in der Behandlung ihres Instrumentes; der ébrierende Überschwang des Violoncello, der zögernde Ansatz des Hornes, die befangene Kurzatmigkeit der Oboe, die prahlhafte Geläufigkeit der Klarinette; derart, dass in einem neuen und selbständigeren Werke notgedrungen immer wieder dasselbe Klangbild sich zusammenformt und dass der unabhängige Komponist in all dieses Unabänderliche hinein-und hinabgezogen wird.

Vielleicht, dass noch nicht alle Möglichkeiten innerhalb dieser Grenzen ausgebeutet werden, - die polyphone Harmonik dürfte noch manches Klang-Phänomenon erzeugen können – aber die Erschöpftheit wartet sicher am Ende einer Bahn, deren längste Strecke bereits zurückgelegt ist. – Wohin wenden wir dann unsern Blick, nach welcher Richtung führt der nächste Schritt? Ich meine zum abstrakten Klange, zur hinderlosen Technik, zur tonlichen Unabgegrenztheit … Dahin müssen alle Bemühungen zielen, dass ein neuer Anfang jungfräulich erstehe.

Der zum Schaffen Geborene wird zuerst die negative, die verantwortlich grosse Aufgabe haben, von allem gelernten, gehörten und Scheinbar-Musikalischen sich zu befreien; nun, nach der vollendeten Räumung, eine inbrünstig, asketische Gesammeltheit in sich zu beschwören, die ihn befähigt, den inneren Klang zu erlauschen und zur weiteren Stufe zu gelangen, diesen auch den Menschen mitzuteilen. Diesen Giotto eines musikalischen Rinascimento wird die Weihe der legendarischen Persönlichkeit krönen. Der ersten Offenbarung wird sodann eine Epoche religiöser Musikgeschäftigkeit folgen, daran kein Zunftwesen ein Teil haben kann, insofern, als die Berufenen und Eingeweihten unverkennbar, und nur diese die Vollbringenden sein werden. An diesem Zeitpunkt leuchtet die vollste Blüte, vielleicht die erste in der Musikgeschichte der Menschheit. Ich sehe auch, wie die Dekadenz beginnt und die reinen Begriffe sich verwirren und wie der Orden entweiht wird …

Es ist das Schicksal der Späteren, und wir – heute – sind ihnen ähnlich wie die Kindheit dem Greisenalter.

Aus dem Kapitel „Weltbeginn“:

Lunatscharski, der Volkskommissar der russischen Sowjetrepublik, ist eine der stärksten geistigen Größen, die die Welt heute lebend hat. Dieser Mann besitzt die Arbeitskraft des Gelehrten, den schnellen, weite Schlüsse ziehenden Blick des Politikers und das Herz des wirklichen Sozialisten. Sein Zusammenhang mit der revolutionären Kunst der heutigen Zeit, seine Fähigkeit, religiöse Probleme darzustellen, erhoben ihn seit einem Jahrzehnt wie einen Adler über die Schreibtisch-Wackelköpfe und die naiven Parteidümmlinge, die beispielsweise in Deutschland der Sozialdemokratie ihre Arbeiten auf ähnlichen Gebieten vorsetzen. Neben Lunatscharski, der schon vor Jahren in Stockholm einen Plechanow leicht triumphierend niederdebattierte, kann man etwa Kautskys Untersuchungen religiöser Fragen nur mit Gelächter lesen - gar nicht zu reden von Dingen der Kunst, die bis heute in Deutschland von verstockt Ahnungslosen oder von notorischen kapitalistischen Kriegsschiebern unter Parteiflagge behandelt werden.

Die große Kraft Lunatscharskis dient der russischen Räterepublik bei der Aufrichtung eines ungeheuren Kulturwerkes. Lunatscharski begründete „Proletkult“ (abgekürzter Name des Instituts für proletarische Kultur), eine Einrichtung, die nicht nur die Werke der großen Schriftsteller und Denker der Welt dem russischen Volke in Millionen von Exemplaren umsonst zugänglich macht, sondern die auch die Fähigkeiten dieses neuen Menschengeschlechtes von morgen, des Proletariats, in Dichtung, Musik, bildender Kunst überall bis an die Wurzel aufspürt und ermutigt. Eine Reihe von Zeitschriften, die Lunatscharski leitet oder angeregt hat, helfen heute schon, unter den unglaublich schwierigen Zuständen des immer noch von außen feindlich bedrohten Rußland, dem geistigen, schöpferischen Leben des Proletariats die Existenz zu ermöglichen.

Proletkult ist der Beginn eines schöpferischen Lebens der Gemeinschaft, in der die “geistige Arbeit“ nicht mehr der Schutzmantel von konjunkturgierigen Geschäftsbürgern mit wissenschaftlicher oder literarischer Spezialität sein wird, sondern das Wunder der Schöpfung, die der einzelne Mensch in seiner Zugehörigkeit zur wahren sozialistischen Gemeinschaft freudig der Welt schenkt. R.

Anatolij Lunatscharskij: Proletarische Kultur

(…) Nur in einem Falle kann der Intellektuelle eine aussergewöhnliche Macht erwerben, und zwar, wenn er sich auf die sich aufbäumenden unteren Klassen stützt – aber diese Erscheinung ist nur dann möglich, wenn zwischen einem solchen Intellektuellen und den Massen eine tiefe geistige Verwandtschaft besteht, sonst ist nur die Demagogie – eine negative und an sich unbedeutende Erscheinung möglich. (…) Aber gerade der Umstand, dass das Proletariat die Kehrseite der kapitalistischen Medaille ist, gerade seine Gebundenheit an die Industriestadt, den Weltmarkt und die wissenschaftliche Technik, gerade sein ursprünglich vollkommen unwillkürliches Zusammenhalten und sein Diszipliniertheit mussten zur Triebkraft seiner weiteren ungeheuren Entfaltung werden. Wie auch seine Vorgänger, die emporgestiegenen Klassen, beginnt das Proletariat mit seinem Wachstum, mit der Verstärkung seines Einflusses immer mehr und mehr vielseitige Kulturansprüche und immer mehr ein vielgestaltiges Schaffen zu entwickeln. Schon jetzt im Kellergeschoss des kapitalistischen Palastes beginnt die Arbeiterklasse ihre Kultur zu schmieden: vorerst die Kultur als Schwert, die Kultur des Kampfes gegen die Unterdrücker und dann auch die Kultur als Traum, die Kultur – als das Ziel ihrer Bestrebungen, ihr Klassenideal der Wahrheit und der Schönheit.

Die proletarische Kultur, die sich vorläufig hauptsächlich auf dem politischen und ökonomischen Gebiete in Formen des Kampfes und der Organisation geäussert hat, steckt noch in den Kinderschuhen. Aber das, was Marx über die ersten Bücher des Arbeiters Weitling gesagt hat, bezieht sich auch auf die proletarische Kultur; zwar sind es Kinderschuhe, aber wenn man sie mit den ausgetretenen Stiefeln der altersschwachen Bourgeoisie vergleicht, sieht man, dass diese Schuhe einem Riesenkinde gehören. Es wäre jedoch eine Lüge zu behaupten, dass das volle Erfassen der Frage nach dem Verhältnis der Klassenkultur zur allgemeinmenschlichen Kultur unter den Arbeitern selbst und ihren Freunden etwas Übliches sei. Im Gegenteil, wir finden in dieser Klasse, die sich auf ihrem Marsche zu einer langen Prozession ausgedehnt hat, wo die Entfernung zwischen der Vorhut und der Nachhut ungeheuer ist, eine Unmenge der wildesten Vorstellungen. Ich leugne nicht, dass er gar nicht so schwer ist, unter uns Sozialisten den einen oder den andern nicht immer im formalen Sinne ungebildeten Jüngling zu finden, der ihnen keck zurufen wird: „Zum Teufel mit der bürgerlichen Kultur!“

Und dabei wird man sogleich finden, dass diese bestimmten und entschlossenen Feinde der Vergangenheit in zwei Typen zerfallen. Unter ihnen gibt es Asketen, Puritaner – nach der Terminologie von Heine – ein jüdischer Typus: sie lehnen für die absehbare Zukunft die Notwendigkeit von „Luxus“ einfach ab. Die ernste Arbeiterklasse wird besonders in der Kampfperiode, sagen sie, sich mit dem Klimbim der Kunst nicht abgeben oder die Zeit für den Erwerb von Kenntnissen, die für das Leben unmittelbar nicht verwendbar sind, nicht vergeuden. Der typischste Vertreter dieser Richtung in der Literatur, der Syndikalist Georges Sorel, stellt sich sogar die kommende sozialistische Ordnung in nüchtern praktischen Umrissen vor, die des langweiligsten Quäkers würdig wären.

Man trifft jedoch auch den „hellenischen“ Typus, nach der Terminologie desselben Heine an: einen Typus, der vom Sozialismus den grossen Anbruch der Lebensfreude erwartet und bereit ist, die üppigsten und heidnischen Programme der kühnsten Träumer eines prächtigen Saint-Simonismus zu unterzeichnen. Aber sehr oft sind diese Sozialisten geneigt, auf das Bestimmteste zu erklären, dass der Sozialismus binnen dreier Tage den alten Tempel zerstören und einen vollständig neuen aufbauen würde.

(…) Aber daraus, dass zwischen der sozialistischen Kultur und der proletarischen Kultur sich notwendigerweise viele tiefe Unterschiede herausstellen müssen, darf man nicht folgern, dass zwischen ihnen keine tiefe Verwandtschaft bestehe. Der Kampf geht doch gerade um das Ideal der Kultur der Brüderlichkeit und der vollständigen Freiheit, gerade um das Ideal des Sieges über den Individualismus, der den Menschen zum Krüppel macht, um das Aufblühen des kollektiven Massenlebens nicht auf Grundlage des Zwanges und des Herdenmässigen, wie es zuweilen in der Vergangenheit der Fall war, sondern auf Grundlage einer vollständig neuen organischen, oder besser einer überorganischen, freien und natürlichen Verschmelzung der Persönlichkeiten zu überpersönlichen Einheiten. Nicht nur, dass diese Züge des Ideals im Eifer des Kampfes bestimmte Formen der Mitbetätigung vorschreiben, sie wachsen vielmehr selbst aus der besonderen Stellung des Proletariats in der kapitalistischen Ordnung heraus, die das Proletariat zu der organisiertesten und innerlich einheitlichsten Klasse gemacht hat.

(…) Die ethische und die ästhetische Erziehung der jungen Generation des Proletariats im Geiste des sozialistischen Ideals ist eine absolute Notwendigkeit. Tausendmal recht hat Rosa Luxenburg, wenn sie sagt, dass ohne das klare Verständnis für diese Aufgabe der proletarischen Selbsterziehung wir uns schwerlich vom Fleck rühren werden. (…)