Das himmlische Licht

Gedichtzyklus



Das himmlische Licht

Kamerad, Sie sitzen in Ihrem Zimmer allein, unter Menschen schweigen Sie still.
Aber ich weiß meine stummen Kameraden hunderttausend auf der Welt, zu denen ich reden will.
Wir waren noch klein, da erhob zu uns die Erde ihr bergiges Schnerzensgesicht,
In unsre Zehen bebte fernes Geländ, von Sturz und Strudel ums Licht.

Die Menschen in schlaffer Geilheit ud träg liebten die Erde nicht mehr,
Aber die Erde schrie, wir hörten sie nicht, und sie donnerte Zeichen her.

O mein Freund, glauben Sie nicht, was ich Ihnen sagen werde, sei neu oder interessant.
Alles, was ich Ihnen zurufe, wissen Sie selbst, aber Sie haben es nie aus rundem Mund laut bekannt.
Sie haben es zugedeckt. Ich will Sie erinnern.
Ich will Sie aufrufen.
Denn Gott rief die Erde für uns alle auf.
Seine Stimme hauchte aus dem Untermeer Vulkan, der in der Südsee in die Luft flog.
Die kleine Kraterinsel Krakatao stieß brennenden Atem Gottes aus der Erde.
Explosion. Der Ozean spritzte über die Erde, unvergessen in dreißig Menschenjahren.
Neues Menschengeschlecht, und das Jahrhundert war lang zu Ende.
Aber aus dem Pacific brannte der Feuerwind des Krakatao in unsere Herzen.

Das Licht

(...) O helle Himmelssäge hinein nach London, wie ein Bergwerk
liegt die Stadt unterm fallenden Licht, Diamanten
über den Gitterluken der Bank von England, o roter Tower
in Whitechapels Schweiß, sechstausend Mann morgens fünf
in den Docks, drüben die Felsen des Kaplands, Nigger
brechen in die Knie. (...)

Dieser Nachmittag

(...) Das himmlische Licht bergan schmolz mild zur rötlichen Kugel halb hinter Dächern auf.
Es war eine Orange, wie in dem vornehmen, betteln verboten, Eßwarenverkauf,
Es war ein wildes Zehnmarkstück wie hinter dem Fenster der Wechselbank,
Ein rotes rundes Glas Bier aus einem Aschingerschank,
Ein Schinken, ein Mund, Weiberbrust, ein Hut mit 'nem Band, ein Loch das rot klafft,
Ein weiches buntes Kissen. Ein Vogel im Käfig. (...)
Aber heut hatte ihnen das Licht süß bis in den Magen geleckt. (...)
Sie marschierten rund über die Erde.
Nun gab es ewig Musik und warmes Essen und das tausendjährige Reich!

Die feindliche Erde

(...) Die Trägheit schlug an die Ufer, faulende Riesenalgen
wanden sich erdenrund um die Schimmelgrüne.
Drunten im Trüben schrieben wimmelnde Menschen noch
eilige servile Telegramme, Briefe, Denunziationen voll Ranküne.
Tänzerinnen, Barone, Agenten, Geheimräte, Schutzleute,
Ehefrauen, Studenten, Hauswirte freuten sich auf ihre dampfende Nacht.
Aber der arme Mob schaute das Wunder und war zur neuen Zeit aufgewacht. (...)

Sieg der Trägheit

Die armen Buckel, demütige Schultern, zogen selig zur
neuen Zeit und wußten nur dies.
Die Erdschale blätterte zitternd vor ihnen ab, ein Schlammgeschwür
schwoll auf, klebrige Barrikaden liefen ins
Dunkel um, weich drohende Saugnäpfe wie ein gieriger
Blutegelfries.
Die armen Menschenköpfe und Leiber stießen an die mächtige
Mauer von grauzitterndem Brei,
Ein Schleim floß wie fette Aale nächtlich um sie und
vergurgelte ihr Geschrei. (...)

Der Mensch

(...) Der Mensch in Strahlenglorie hebt aus der Nacht seine
Fackelglieder und gießt seine Wände weiß über die
Erde aus,
Die hellen Zahlen, o sprühende Streifen wie geschmolznes
Metall.
Aber wenn es die heiße Erde beströmt (sie wölbt sich
gebäumt),
Schwirrt es nicht später zurück? dünn und verstreut hinauf,
beschwert mit Erdraum:
Tiergeblöke. Duft von den grünen Bäumen, bunt
auftanzender Blumenstaub, Sonnenfarben im Regenfall.
Lange Töne Musik.

Die Stimme

O Mund, der nun spricht, hinschwingend in durchsichtigen
Stößen über die gewölbten Meere. (...)
Eine Stimme las das Flüsterwort: Streik! in den roten Schächten der Coloradominen. (...)

Die Frühen

Die Stimme stieg aus der Erde, sie stieg wie Saft der Erde
in Menschengebein.
Aus bebenden Ländern trieben sich hoch wie Blasen aus
grünem Sumpf, einzeln und früh. Sie öffneten runde
Augen und schauten sich um.
O was sollten sie tun? In ihnen stieg und fiel wie brennendes
Blut das Gedächtnis ans selige Licht. Ein Schein glomm
aus der Ferne vor ihrer rußigen Geburt. (...)

Die Ankunft

(...) Ihr Mob, die Ihr klein seid und zu heißen Riesenmassen schwellt,
wenn das Wunder durch die Straßen geht,
Ihr, die Ihr nichts wißt, nur daß Euer Leben das Letzte ist, Eure Tage sind hungrig und kalt: (...)
Ihr tragt die Kraft des himmlischen Lichts, das über Dächer in Euer
Bleichblut schien. (...)
Jahrtausende mischten Atem und Blut für uns, wir sind
Sternbrüder auf himmlischen Erden. (...)